Spieltag in Wien

Spieltag in Wien

Am 28.8.2008 um 19.00 Uhr war es endlich so weit, ich stieg in den Zug Richtung Hannover. Von dort aus sollte mich ein Bus in Richtung Wien chaufieren. Doch zwischen mir und dem Endspiel der Euro 2008, zwischen Deutschland und Spanien, lagen noch gepflegte 13,5 Stunden Busfahrt. Doch der geneigte Fußballfreund weiß auch diese zu überbrücken. Nach etlichen eiskalten Bieren aus der Bordküche und einem halben Fläschchen Jim Beam, konnte ich mich zu meinen verdienten zwei bis drei Stunden Schlaf betten.

Schon die erste Pause nach dem Erwachen, offenbarte mir eine gewisse Nähe zur gastgebenden Alpenrepublik – die Leute sprachen auf einmal so seltsam. Aber gut, ein Alster zum Frühstück und dazu die, wie sich noch herausstellen sollte, beste Tagesinvestition von 7,90 € in einen Fußball und schon war ich wieder frisch.

Schon bald erblickten wir die Schilder die uns sagten: “Jungs, bald habt ihr es geschafft!” WIEN – 234 km Doch bald machte ein Gerücht im Bus die Runde, es gäbe angeblich eine Rückkehr der Wade der Nation, Ballack verletzt!? – Bitte nicht!

Doch nach ein paar Bier war die Angst zunächst betäubt und man hatte wieder das Ziel vor Augen. Und dann, um ca. 11.30 Uhr erreichte unser Bus den Parkplatz in der “Nähe” des Ernst-Happel-Stadions. Allerdings interessierte erst einmal nur eins: Die Eintrittskarten! Schon vor Wochen hatte man einen “Voucher”, der geneigte Germane würde es wohl Gutschein nennen, erhalten. Aber irgendwie konnte man immer noch nicht glauben, dass man dafür wirklich seine Endspielkarte bekommen würde. Also ab in die U-Bahn, Volkstheater raus, lange Rede kurzer Sinn – der Umtausch klappte!

Wir hatten also unsere Karten, auf dem Schwarzmarkt irgendwas zwischen 500 und 650 Euro wert, in der Hand und konnten nun den Tag genießen. Und wie macht man das am besten – mit Wiener Schnitzel und Bier. Um mich auch in diesem Punkt kurz zu fassen, für beides muss man wirklich nicht nach Wien! Vor allem nicht für das Bier, der Test von ca. 5 bis 6 einheimischen Marken führte zu der Erkenntnis, dass alle mehr oder weniger, naja sagen wir, genießbar waren – tendenziell aber eher weniger.

Also rein in die U-Bahn, Stephansplatz raus und wat siehste?! Spanier, überall. Die Deutschen hatten anscheinend ein wenig Probleme zueinander zu finden und liefen in Kleinstgruppen versprengt durch die Stadt, während die Spanier sich sammelten und lautstark auf sich aufmerksam machten. Auf den Schock musste erstmal ein Bier her.

Danach starteten wir einen neuen Anschlauf und siehe da, die deutsche Fraktion hatte etwas organisiert. Eine Big-Band spielte auf einem Denkmal auf und versammelte ca. 2000 bis 3000 Deutsche um sich, um dann mit diesen singend und tanzend durch die Innenstadt zu ziehen. Ein Erlebnis, dass einfach schwer zu beschreiben ist. Lautstark, fröhlich, friedlich und unglaublich beeindruckend zogen wir durch die Wiener Innenstadt und legten immer wieder Pausen auf Plätzen und Denkmälern ein (die örtliche Polizei, dies sei hier lobend erwähnt, duldete dies extrem freundlich und bat erst höflich das Denkmal zu verlassen, als dessen Aufnahmefähigkeit bereits deutlich überschritten war).

Nachdem man sich nun auf das Spiel eingestimmt hatte, sollte es zum Stadion gehen, doch wir hatten ja noch unseren Fußball. Ein kleiner Querpass zu drei Spaniern, Rückpass, alles Super. Doch dann kam man auf die Idee sich im Wettstreit zu messen. Kein einfaches Spiel sollte es sein, nein, nein – ein Elfmeterschießen! Die deutsche Königsdisziplin wurde auch sogleich auf den Eingang eines geschlossenen Geschäfts ausgetragen. Innerhalb kürzester Zeit versammelten sich dutzende, wenn nicht sogar hunderte Fans, um ihr Land anzufeuern. Auch die internationale Medienlandschaft nahm das Spektakel gut auf, zahlreiche Fotografen und zwei TV-Teams sahen, wie unsere letzte Schützin sicher den Ball in den Winkel hob…Sieg für die Fußballschuhe aus Deutschland!

Nun machten wir uns auf den Weg zum Stadion, dort angekommen die erste Überraschung, die Einlasskontrolle hätte kaum lascher sein können. Da fühlt man sich doch gleich wie auf dem heimischen Kreisklasse-Sportplatz. Auf den Plätzen wird einem schnell klar: Das wird ein Heimspiel! Ein Blick ins weitere Rund und schon entdeckt man überall weiße Trikots, selbst im spanischen Block. Dies bestätigte also, was schon der verzweifelte Schwarzmarkthändler sagte: “Die Preise sind kaputt, die Spanier verkaufen alles!” Naja, uns sollte es recht sein.

Es folgte eine dieser total überflüssigen Abschlussfeiern, gekrönt von einem Auftritt von Enrique Iglesias. Mit Fussballstimmung hatte dessen Pop-Gedüdel von der Stange relativ wenig zu tun. Als auch dieser grusselige Nebenschauplatz leergefegt war, ging es los. Schon beim ersten Umgucken der Mannschaft war die Stimmung extrem gut gewesen, aber die Hymne aus 35.000 deutschen Kehlen zu hören, trieb wohl jedem die Gänsehaut auf den Körper.

Zum Spiel selbst muss man wohl nicht mehr viel sagen, dass haben schon genug andere getan. Der Support von den Rängen war jedenfalls über 90 Minuten und auch noch weit darüber hinaus lobenswert, die Spieler fühlten ihn wahrscheinlich sogar in ihren Fußballschuhen. Am Ende gewannen die Spanier wohl verdient, obwohl man sich sowas im Stadion immer schwer eingestehen will – ähnlich wie die noch folgenden 16,5 Stunden bis man endlich zu Hause unter der Dusche stehen würde….

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